Eingang zum Saal der Waldorfschule Rendsburg
Treppenhaus im Hauptgebäude der Waldorfschule Rendsburg
Eingang zum Hauptgebäude der Waldorfschule Rendsburg

Kunstreise in der zwölften Klasse

Gedanken zur Kunstreise in der zwölften Klasse

Martin Lang

Es ist kurz nach neun Uhr abends und schon völlig dunkel geworden. Gleichmäßig rollt der Bus auf der Autobahn. Gerade fahren wir an Innsbruck vorbei, das als glitzerndes Lichtermeer im Tal liegt, hoch überragt von Bergen, deren schneebedeckte Gipfel in Mondlicht geheimnisvoll leuchten. Wir sind auf der Rückfahrt von einer Kunstreise durch Italien, morgen werden wir wieder in Rendsburg sein. In solchen Stunden ziehen dem Betreuer Fragen durch den Sinn: Hat sich der Aufwand gelohnt? Was ist gelungen, was kann verbessert werden? Ja - warum überhaupt eine Kunstreise? Was "Tradition" geworden ist, muß immer wieder neu in Frage gestellt werden.

Zunächst jedoch ist zu fragen: Was ist das Besondere am Kunstwerk? Was geschieht, wenn ich es anschaue, mich damit beschäftige? Was unterscheidet die Kunst von ihrer Schwester, der Natur? Angenommen, wir betrachten einen Ölbaum (Italien!). Um wirklich etwas über ihn zu erfahren, müßten wir scbon einen Jahreslauf mit ihm zubringen. Und es gibt Millionen Ölbäume - sie unterscheiden sich, z. B. nach Alter, nach Standort usw. Das Wesen Ölbaum manifestiert sich offenbar nie vollständig im einzelnen Exemplar. Dieses weist über sich hinaus auf den "Typus", die Idee des Ölbaums, von der dieser einzelne Baum nur eine einzige, besondere Verwirklichung ist.

Anders das Kunstwerk. Es ist wirklich einmalig. Es verdankt sein Dasein einem schöpferischen Prozeß, den ein bestimmter Mensch, der Künstler, vollzogen hat. Es ist Ergebnis der Ichhaftigkeit, des Ich-Prinzips einer Personlichkeit. Dabei ist der Künstler - entgegen allen anderslautenden Bebauptungen - in den entscheidenden Schritten frei. Er selber stiftet das Gesetz, nach dem das Kunstwerk geschaffen ist, er selber bestimmt das Wie.

Was geschieht nun bei der Kunstbetrachtung? Wenn es uns gelingt, uns zu öffnen, unsere subjektive Meinung zurückzuhalten, dann kann sich das Kunstwerk aussprechen - dann begegnen wir jenem Persönlichkeitsprinzip, dem es seine Entstehung verdankt. Das hat enorme pädagogische Konsequenzen. Denn gerade der jugendliche Mensch hat ein feines Gespür für diese Seite der Kunst, ist er doch selber auf der Suche nach der eigenen Ichhaftigkeit. In der Begegnung mit großen Kunstwerken kann die Persönlichkeit wichtige Impulse erfahren auf ihrem Weg zur Eigenständigkeit, zur Freiheit. Dies kann jedoch nur vor dem Original geschehen. Nichts kann die Begegnung mit den Kunstwerk ersetzen, auch nicht die Lichtbilder, auf die sich der Kunstunterricht schlechten Gewissens stützen muß. So kann die Kunstfahrt zum einen als Höhepunkt des Kunstunterrichts gesehen werden. Ein anderer Gesichtspunkt ergibt sich aus der Kunstepoche der zwölften Klasse, die der Architektur gewidmet ist. Die Entwicklung des Bauens eignet sich ausgezeichnet als roter Faden für eine solche Unternehmung, zusammen mit dem, was sich an Malerei und Plastik dazu stellen läßt. Solch ein Gesichtspunkt gibt einer Klassenfahrt einen Inhalt, der sie von jeglichem Bildungstourismus unterscheidet.

Wie kann das nun konkret aussehen? Werfen wir einen Blick zurück auf die diesjährige Fahrt. Zunächst fuhren wir eine Nacht und zwei Tage, bis wir in einem steilenweise noch aktiven Vulkankrater unsere Zelte aufschlagen konnten. Durch Obstplantagen, an Palmen und Feigenbäumen vorbei ging die Fahrt am nächsten Tag weiter in Richtung Süden, bis wir schließlich vor den schönsten griechischen Tempeln standen, die in dieser Vollständigkeit erhalten sind. Wie fremd ist uns solche Architektur! Wie stark müssen die Griechen in der Natur gelebt haben, wenn der Tempel sich so ganz nach außen öffnet, so stark vom Sonnenlicht abhängig ist. Die Größe der römischen Kultur lernten wir kennen in Pompeji und in den antiken Bauten Roms. Bewundernswert, wie die Römer die technischen Probleme des Bauens meisterten, z. B. die gewaltige Kuppel des Pantheons. Tief unter die Erde leitete uns ein Führer durch eine für die Öffentlichkeit nicht zugängliche Katakombe. Hier bestatteten die frühen Christen ihre Toten - Menschen, von denen manche für ihre Überzeugung in den Tod hatten Gehen müssen. Als das Christentum Staatsreligion geworden war, entstanden weite, helle Kirchenräume, von denen Santa Sabina in Rom nur ein Beispiel war. Hier fanden wir Säulen im Innern, die nun auch einen Weg bezeichnen hin zum Altar. Das war des Lebensgefühl des mittelalterlichen Menschen.

Ein Kleinod romanischer Architektur ist San Miniato al Monte in Florenz. Wie winzig die hoch angebrachten Fenster sind, die den Raum nur spärlich erhellen; Santa Croce zeigte uns, was sich zur Gotik hin veränderte. Der Bau der Domkuppel im fünfzehnten Jahrhundert wurde von einem einzelnen, voll verantwortlichen Menschon geleitet: Filippo Brunelleschi. Er hat auch die Kirche San Lorenzo gebaut, die aus einem Maß entwickelt ist.

Der Weg zur Renaissance ist der Weg zur selbständigen, selbstverantwortlichen Individualität. Das ist aber auch der Weg in die Einsamkeit. Von einem der größten, einen der einsamsten Künstler sahen wir einen großen Teil seines Werkes in Rom und Florenz: Michelangelo hat sich mit Kleinigkeiten nie abgegeben; stets packte er mutig die großen Projekte an, die das Schicksal für ihn bereit hielt. Und vieles konnte er nicht vollenden, weil die Umstände andere geworden waren - deran litt er zutiefst. Michelangelo ist wie ein Urbild des lebenslang strebenden Menschen. Sein "David" bildete Höhe- und Endpunkt unserer Reise.

Durch den Wandel der Bauformen den Wandel des Bewußtseins erspüren, das Ringen einer großen Individualität zu verfolgen - und das an ganz herausragenden Beispielen -, das sind ohne Zweifel würdige Inhalte für eine zwölfte Klasse. Die Realität des Geistigen wird ahnbar durch die Kunst. In glücklichen Momenten kann das be-geisternd sein. -
Wir nähern uns München. Dort wird unser Fahrer von einem Kollegen abgelöst werden, der uns dann bis Rendsburg fahren wird. Morgen gegen Mittag werden wir dort ankommen. Im Bus leuchten nur noch die grünen Nachtlichter. Die Schüler liegen zusanmengerollt oder ausgestreckt auf den Sitzen oder im Mittelgang. - Immer wieder mußten wir Situationen meistern, das Beste aus einer Sachlage machen; vor allem das Wetter bekommt beim Zelten eine ganz neue Bedeutung: Übungen in Lebenskunst. Und dann das Zusammenleben mit den Klassenkameradlnnen, mehr als zwei Wochen den anderen erleben, ertragen, tragen - was für ein Übungsfeld! Dieser Prozeß ist sicher das Wichtigste an jeder Klassenfahrt. In der zwölften Klasse kommt die Kunst als etwas hinzu, das in gemeinsamen Anschauen sozial wirksam werden kann, weil erfahrbar wird, wie der Künstler zwar aus dem Ich schafft, sein allzu Persönliches zugunsten eines Höheren jedoch überwinden muß.