Die Feldmessepoche der zehnten Klasse
Gedanken zu Hintergrund, Aufgabenstellung und Durchführung
Warum fährt die zehnte Klasse einer Waldorfschule zum
Feldmessen?
Welche Ziele werden mit dieser Epoche angestrebt?
Die 1919 gegründete erste Waldorfschule in Stuttgart erhielt mit
dem Schuljahr 1921/22 erstmalig eine zehnte Klasse. In den
Konferenzmitschriften des betreffenden Jahres findet man die Angabe
Rudolf Steiners, daß neben Mathematik und den Naturwissenschaften für
die zehnte Klasse das Feldmessen tritt. Es soll den Schüler in die
Vermessungskunde einführen sowie in die Darstellung einfacher
Landschaftssituationen. In der elften Klasse kann dies dann aufgegriffen
werden, um das Erworbene weiterzuführen in die Kartographie im Rahmen
des Geographieunterrichts. Durch eine enge Verbindung dieser Epoche mit
der Mathematik - namentlich der Trigonometrie — kann in der praktischen
Anwendung eine nur selten erreichbare Vertiefung mathematischer Methoden
erfolgen. Der Schüler dieser Altersstufe erfährt dabei: Seine eigene,
immer deutlicher hervortretende Individualität trägt auch den Aspekt der
Vereinsamung in sich, ja sie erfordert diese. Die dabei frei werdenden
Kräfte zielen auf neue, frei zu wählende Bindungen, eine eigene
Standortbestimmung des jungen Menschen in der Welt, auf die Fähigkeit
des Urteils. Die Tiefendimensionen der ihn umgebenden Welt in ihren
weitverzweigten Bezügen beginnt er zu erahnen und verbindet diese
Empfindung mit den allergrößten Fragen (Woher komme ich, wohin gehe ich?
Worin besteht der Sinn des Lebens? Hat das Leben überhaupt einen
Sinn?). In dieser Zeit der fortschreitenden Selbstfindung steht die
Feldmeßepoche. Sie kann das Erlebnis vermitteln, mit dem, was erlernt
wurde, sich in der Welt auf ganz konkrete, die gegebenen Tatsachen
berücksichtigende und durch sie korrigierende Weise zu orientieren. Es
kommt zu einer im Äußeren sich vollziehenden Standortbestimmung. — Der
Zehntklässler erlebt dies mit Befriedigung.1)
Die erreichbare Genauigkeit der dabei von ihm angewandten
Meßverfahren hängt einerseits weitgehend von seinem Willen, seiner
Geschicklichkeit, von Geduld und Ausdauer ab; andererseits setzt die
Qualität des Meßgeräts diesem Streben physikalische Grenzen 2).
Diese Art der Weltsicht, die, seit dem heraufziehenden
Materialismus des 15./16. Jahrhunderte an Bedeutung zunehmend, heute
ihre Triumphe wie auch ihre Unfähigkeit demonstriert, die Welt als
Ganzes zu beschreiben, hat gerade für den Zehntklässler eine große
Berechtigung. Die Suche nach der Weltformel (Einstein), die die Kräfte
zu verbinden und zu beschreiben versucht, wie sie im Physikalischen
wirksam sind, mißlang bisher. Mit Hilfe von Satelliten wird die Erde
heute mit einer zuvor nie erreich-ten Genauigkeit vermessen — eine
bewun-dernswürdige Leistung. (Ist mit meinem Tun schon ein Verständnis
der Verhältnisse gegeben, in die ich mit meinen Handeln verändernd
eingreife? Dies ist — wie mir scheint — eine zentrale Frage unserer
Gegenwart.)
Vor diesen in groben Zügen aufgezeigten Hintergrund fand die
letztjährige Feldmeßepoche statt. An 15. April, dem ersten Schultag nach
den Osterferien trafen sich vor der Schule 41 Schülerinnen und Schüler
der zehnten Klasse sowie Schulkameraden aus Herrn Spitzers Förderklasse,
um mit dem Bus gemeinsam nach Schlüttsiel und von dort mit der
"Schwalbe" - einem kleinen Fährschiff - nach Hallig Hooge zu fahren.
Eine erste Begehung des Geländes unmittelbar nach Ankunft auf der Hallig
galt der Festlegung des zu vermessenden Gebiete. Dabei war zu
berücksichtigen, daß die einzelnen Festpunkte erster und zweiter Ordnung
nicht zu weit voneinander entfernt standen, von einem Punkt aus die
Nachbarpunkte zu sehen waren und das ringförmig durch einen Polygonzug
eingeschlossene Gelände im Rahmen der zur Verfügung stehenden Zeit3) zu
vermessen war. Die Aufgabe bestand nun darin, das im Gelände abgesteckte
Gebiet hinsichtlich seiner Maßverhältnisse (Strecken) und seiner Lage
(Winkel) aufzunehmen und dabei die wichtigsten Gegebenheiten (Wege,
Wasserläufe, Gebäude u. a.) maßstabsgerecht wiederzugeben. Zur Lösung
dieser Aufgabe wurden folgende Meßverfahren angewandt:
Längenmessung: Bandmaß, Meßlatte
Winkelmessung: Theodolit
Einzelvermessung:
einfache Koordinierung:4) Winkelspiegel, Prisma
trigonometrische Koordinierung: Theodolit
tachymetrische Koordinierung: Theodolit, Nivellierlatte
In den folgenden Tagen mußten sich die Schüler hineinfinden in die
gestellten Aufgaben, es waren schwierige Situationen während des Messens
zu bewältigen (Wetter, Gelände, Meßgenauigkeit). In einzelnen Gruppen
wurde beim Lösen von Meinungsverschiedenheiten und Aufgabenverteilungen
hin und wieder heftig gerungen. Dieses und auch die Bereitschaft, sich
auf die Sache selbst einzulassen, wurde in den insgesamt sieben Gruppen
und bei den jeweiligen Schülern ganz unterschiedlich gehandhabt. Während
einzelne nur selten in eine konstruktive Mitarbeit hineinfinden
konnten, entwickelten andere eine wahre Meisterschaft im Umgang mit dem
Gerät auf der Suche nach genauen und zuverlässigen Meßergebnissen. —
Anhand der Längenmessung (Meßlatten) und der Winkelmessung soll
angedeutet werden, welche unterschiedlichen Anforderungen diese
Meßverfahren in die Gruppen hineintrugen und für den einzelnen
bedeuteten:
Längenmessung:
Wie aus der Skizze hervorgeht, wird die Länge der zu vermessenden
Strecke zwischen zwei Festpunkten durch wiederholtes Aneinanderlegen
zweier Meßlatten (je 5 m lang) ermittelt. Dabei muß beachtet werden, daß
die Meßlatten exakt entlang der Fluchtlinie5) gelegt werden, daß bei
Höhenunterschieden des Geländes mit Hilfe von Wasserwaage und Lot stets
die Horizontalentfernung gemessen und durch Hin— und Rückmessung
eventuelle Messfehler ausgeschaltet werden. Diese kleine Aufzählung
verdeutlicht schon, daß nur durch das sachgerechte und
verantwortungsbewußte Zusammenwirken aller Mitglieder einer Gruppe —
unter Führung des Protokollanten — brauchbare Ergebnisse zu erwarten
sind. (Auf 100 m Meßstrecke dürfen die in beiden Richtungen gemessenen
Längen nicht mehr als 3 cm voneinander abweichen; Meßgenauigkeit 0,03%.)
Wird vergessen, eine Latte mitzuzählen, wird sie fehlerhaft oder nicht
genau genug in Fluchtrichtung angelegt, so muß die Messung wiederholt
werden. Geschieht dies, muß die Messung also mehrmals durchgeführt
werden, so liegt es nahe, nach dem Sündenbock zu fahnden. Um solches
Mißgeschick zu vermeiden, wird von jedem Gruppenmitglied Konzentration,
Geduld und Einfühlungsvermögen aufzu-bringen sein. Ein Aspekt des
Beobachteten ist: Die Willensanstrengung ist bei dieser Art von
Tätigkeit unmittelbar in einen sozialen Zusammenhang gestellt; nur
gemeinsames Handeln sichert den Erfolg, die Motivation für das eigene
Handeln entspringt den Zielen und Bemühungen der Gruppe.
Winkelmessung:
Anders sieht es bei der Winkelmessung aus. Während die Längenmessung das
Ziel verfolgt, ein Gebiet in seiner horizontalen Ausbreitung zu
ermitteln, erlaubt die Winkelmessung eine Bestimmung der Lage der
Meßpunkte in der Ebene. — Schaut man den solchermaßen beschäftigten
Gruppen zu, so kann man erleben: Wird zur Längenmessung jedes
Gruppenmitglied gebraucht, so kann die Winkel-messung mit dem
Theodoliten notfalls auch allein durchgeführt werden. Der Blick durch
die Optik des Theodoliten ist jeweils nur einem möglich. So kann es
geschehen, daß innerhalb einer Gruppe "der Beste" beauftragt wird, die
Messungen "durchzuziehen"; der Rest genießt die "friedliche Stille". —
Jeder ist stets aufs neue aufgerufen sich für ein gutes Ergebnis aller
einzusetzen. Der soziale Zusammenhang ist auch hier gegeben, er ist
jedoch "weiter entfernt" und muß wiederholend bewußt gemacht werden. Die
willentliche Entscheidung für die eigene Beteiligung und für ein
sorgfältiges Arbeiten ergibt sich nicht mehr oder weniger zwangsläufig
aus der Tätigkeit selbst, sie will immer wieder neu getroffen sein.
Abschließend noch einige Bemerkungen zur Durchführung der Epoche:
Nachdem das Gelände zwischen Deich, Backenswarft, Kirchwarft und Hafen
erkundet und markiert war, wurden den einzelnen Gruppen Teilgebiete
zugewiesen. Für ihr Teilgebiet war jede Gruppe selbst verant-wortlich.
Die Aufgabenstellungen beinhalteten:
a) die Anbindung des eigenen Bereichs an Nachbarbereiche und das Messen
aller notwendigen Längen und Winkel;
b) das Vermessen wichtiger Geländesituationen;
c) Berechnung der Koordinaten der einzelnen Meßpunkte;
d) das Zeichnen einer maßstabgetreuen Karte, die alle gemessenen
Einzelheiten enthält auf der Basis der gerechneten Werte.
Die Frage, lassen sich die von mehreren einzelnen Menschen vermessenen
Teilgebiete zu einem Ganzen zusammenfassen, stellte sich zunehmend.
Spätestens dann zeigte es sich, wo falsch gemessen worden war. Die
Einbindung des eigenen Tuns in einen konkreten zwischenmenschlichen,
jedoch sachlich orientierten Zusammenhang wurde wohltuend empfunden. Es
zeigte sich, daß in der Anfangephase nur wenige Meßergebnisse genau
genug waren; vieles mußte neu gemessen werden. Innerhalb kurzer Zeit
bildeten sich im Umgang mit den Geräten Experten heraus, die selbst
unter schlechten Witterungsbedingungen noch gute Ergebnisse erzielten.
Eine eigens gebildete Rechengruppe leistete ganze Arbeit bei der
Erstellung des Grundgerüsts (Koordination aller Festpunkte 1. und 2.
Ordnung) einer Gesamtkarte. Es fehlte leider zum Schluß die Zeit, dieses
Grundegerüst der Gesamtdarstellung mit Inhalt zu füllen, welcher durch
die Besonderheiten der Teilgebiete aller Gruppen bereits vorlag. Auf der
Basis der zuvor in der Mathematikepoche erworbenen Kenntnisse wurden
mit Hilfe der Trigonometrie die oben erwähnten Koordinaten berechnet und
den einzelnen Gruppen zur Verfügung gestellt. Die angefügten
Beispielzeichnungen mögen das hier Gesagte weiter verdeutlichen.
Zusammenfassend kann gesagt werden: Die Feldmeßepoche kann für den
Zehntklässler eine große Bedeutung erlangen. Hier bietet sich die
Möglichkeit, seine entwicklungsbedingten Be-lan-ge an eine praktische
Aufgabenstellung anzubinden, die zugleich ein Anliegen der übrigen
Unterrichtsfächer ist. Noch deutlicher: Das Fach Mathematik bietet hier
die Grundlage für eine Verbindung zunächst ganz wesensverschiedener
Tätigkeiten - Denken und Handeln. Im Tun wird der Schüler auf seine
Denkergebnisse zurückverwiesen, übt er am Konkreten seine
Urteilskraft6).
Liegt in diesem Üben nicht die Chance, zu entdecken, daß das in mir
Gedachte in der Außenwelt seine Entsprechung findet, daß ich es bin, der
dazu aufgerufen ist, das zunächst Getrennte in mir selbst wieder zu
verbinden? Was sind die Folgen für den einzelnen und die Umwelt, wenn
dies nicht erkannt und ins Handeln umgesetzt wird?
1) Es wird stark empfunden, die Welt durch geeignete
Hilfsmittel be-herrschbar machen zu können. So ist im Physikunterricht
die abge-laufene Zeit und der dabei zurückgelegte Weg einer frei
fallenden Stahlkugel ebenso bestimmbar wie der gemessene Winkel und der
Abstand gegebener Punkte im freien Gelände. Die Beobachtung der sich
ergebenden Zusammenhänge findet in einer real überschaubare Verhältnisse
widerspiegelnden Mathematik ihren Niederschlag.
2) Hieraus ergehen sich praktische Aspekte für die Organisation der
Feldmeßepoche. Eine möglichst einfache und billige Ausstattung (anstatt
eines Theodoliten verwendet man einen Marschkompaß oder einen Meßtisch
mit Diopterlineal) führt den Schüler "hautnah" an den eigentlichen
Meßvorgang heran; alles liegt offen vor ihm; überflüssiger technischer
"Schnickschnack" versperrt nicht den Kontakt mit dem unmittelbaren
Erlebnis des Hessens. Ist man bestrebt, dem zuvor beschriebenen
Genauigkeitsanspruch aus den genannten Gründen nahezukommen, so wird es
notwendig sein, verhältnismäßig teure Theodoliten anzuschaffen. Damit
ist der Schüler dann in der Lage, mit Zentimetergenauigkeit zu arbeiten.
Hiermit sind also zwei unterschiedliche Betonungen eines gemeinsamen
Zieles der Epoche angedeutet. Welcher methodische Weg eingeschlagen
wird, ergibt sich aus dem pädagogischen Ansatz.
3) Zehn Tage dauerte die Epoche, einschließlich Hin— und Rückfahrt.
4) Unter Koordinierung versteht man die Messung von Geländeeinzelheiten
(s. o.), die dann in die Karte aufgenommen werden. Einzelheiten des
Meßvorgangs sollen hier nicht beschrieben werden.
5) Eine Fluchtlinie ist die (geometrisch) gedachte Gerade zwischen zwei
Punkten - den Fest- oder Fluchtpunkten.
6) Eine Gruppe von Schülern sollte mittels zweier Meßlatten die
Ent-fernung zwischen zwei Festpunkte ermitteln. Das auf den ersten Blick
Einfache, geradezu lächerlich einfach Anmutende entwickelte sich
zunehmend als schwer zu Handhabendes. Schließlich bedurfte es mehrerer
Wiederholungen, um zwischen der Hin— und Rückmessung die notwendige
Übereinstimmung zu erzielen. Diese "Übereinstimmung" stellt jedoch eine
Abweichung vom Idealwert dar — der sogenannte Messfehler. Wie kommt es
zu dieser Fehlerhaftigkeit von etwas, das doch eigentlich ganz genau
sein müßte?
Franz-Josef Arndt



